Freitag, Oktober 08, 2010

Der Henker ist eingetroffen, Hoheit!

Kaum steht man ein wenig erhöht,
wird man zur Prominenz.

Es war einmal...

Ich stand auf einem Mäuerchen an der Bushaltestelle, als ein Mann von der gegenüberliegenden Straßenseite zu mir herübertrat und verkündete: "Der Henker ist eingetroffen, Hoheit."
Nur diese Worte. Er hielt dabei seinen Blick gesenkt und bewahrte drei Schritt Abstand. Dann drehte er sich um und verschwand in der Dunkelheit. D.h., ich sah im noch eine Weile zu, wie er im Licht der Straßenlaternen mit der Hand hinten in der Hose davonschlurfte.

Was wusste der Kerl über meine adeligen Vorfahren? War der Henker in der Nähe? Würde er meinem hoheitlichen Befehl unterstehen - oder war er grausig gar für mich gekommen, sein endgültiges Handwerk zu erledigen?

Ich erinnerte mich an den Seelenhandel, der ja in Ermangelung teuflischer Mittel rechtmäßig nicht zustande gekommen war, auch hatte ich nichts unterschrieben. Er schwirrte ab, der arme Teufel und ich blieb ohne Erfolg. Doch vielleicht war ich auf eine List hereingefallen? Sowas wie eine Seelen-Phishing-Attacke, die satanische One-Click-Policy. Ein falsches Wort und schwupp! Seele weg? War die tägliche Lektüre des großartigen Sinfest-Webcomics ein Stolperstein? Rock'n'Roll, Blues, Jazz und Heavy Metal? Ich schob die Gedanken beiseite und konzentrierte mich auf die seltsame Begegnung.

Zurückgespult

Die Szene lief vor meinem geistigen Auge ab und ich spulte sie immer wieder zurück, als stünde ich vor dem Lebensende auf der Suche nach einem Funken Glückseligkeit in der Erinnerung meines irdischen Wandelns, oder als Literaturkritiker über einem Groschenroman.

Der Mann schlurfte von der gegenüberliegenden Straßenseite zu mir herüber, blieb neben mir stehen und sagte: "Der Henker ist eingetroffen, Hoheit!", ohne mich dabei anzusehen.

Zurückgespult
. Der Mann stieg vermutlich aus einem Bus aus, schlurfte dann herüber - Moment! Wo waren die Autos? Schlurfte er tatsächlich durch den Verkehr oder nutzte er eine ruhige Ampelphase? Ich konnte mich nicht erinnern. Er schlurft herüber in seinen abgetragenen Klamotten, bleibt stehen, sagt seinen Satz.

Zurückgespult. Er tritt an mich heran und ich beobachte ihn. Er sagt seinen Satz.

Zurückgespult
. Er kommt von der Straße auf den Bürgersteig, bleibt neben mir in drei Schritt Entfernung stehen und sagt seinen Satz.

Zurückgespult
. Sagt seinen Satz.

Zurückgespult
. Er blickt mich nicht an. Stopp!

Zurückgespult. Er blickt nicht mich an ... Sondern steht abseits von mir und spricht als stünde er vor einem anderen, zu einem Unsichtbaren: "Der Henker ist eingetroffen, Hoheit." Was für eine Geste, mit der er dabei auf mich deutet? Einbildung! Ich beobachte ihn, wie er im Licht der Straßenlaternen verschwindet. Ein leises Schwirren in den Schatten zu meiner Linken. Einbildung.

Ich sah mich um, doch keiner der anderen Wartenden schien von der Begegnung Notiz genommen zu haben. Ich schrieb mir den merkwürdigen Satz des Fremden in mein neues kleines schwarzes Notizbuch und machte zwei Fotos mit dem Handy. Dann nahm ich den Bus.

Hoheit oder Henker?
Oder nur Statist?

Kommentare:

Thomas T Root hat gesagt…

Bedenkliche Ereignisse treiben ihr (Un)wesen ..

lars_alexander hat gesagt…

Das kann man wohl sagen :)